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1887 - 19331887 - 1933

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Das Rote Kreuz in Kipfenberg

 

Von den Anfängen bis zum I. Weltkrieg:

Das Rote Kreuz sah anfangs, wie im Teil I erwähnt, seine Hauptaufgabe im Dienst am hilfsbedürftigen Frontsoldaten, wenn auch die ersten freiwilligen Helfer der Organisation im Krieg von 1866 noch eine bescheidene Rolle spielten. Aber es gelang, die Öffentlichkeit zu mobilisieren und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung unter dem Zeichen des "Genfer Kreuzes" zu organisieren. (17) Damals entstanden wieder wie 1813/14 vaterländische Frauenvereine, die ihre vornehmliche Aufgabe im Sammeln von Spenden für die im Feld befindlichen Soldaten sahen. So formierte sich 1866 in Eichstätt ein Zweigverein im "Gesamtverein zur Herbeischaffung von Wäsche und Verbandzeug für das bayerische Heer", der unter dem Protektorart der Königinmutter stand. In einem Aufruf "an die Frauen und Jungfrauen der Stadt Eichstätt un der Landgerichtsbezirke Eichstätt und Kipfenberg (18) wurde zur Mitarbeit aufgefordert.

Gleichzeitig wurde eine Liste von Gegenständen veröffentlicht, die sich "als besonders zweckdienlich zur Pflege und Stärkung Verwundeter und Kranker empfehlen." (19)

Nach Beendigung des Krieges sah der Eichstätter Verein seine Tätigkeit als abgeschlossen an. In einer "Extra-Beilage zum Eichstätter Kurier" wurde Bilanz gezogen. Danach konnten in den Landgerichtsbezirken Eichstätt und Kipfenberg neben 467 Gulden 54 Kreuzer in bar folgendes Material gesammelt werden:

332 Hemden 84 Leintücher 2 Bettgefäße
50 Beinkleider 38 Kissenziechen 216 Ellen Leinwand
189 Paar Socken 10 Bettziechen 2 Ellen Flanell
44 Dtz. Paar Fußtücher 1 Bettdecke 1 Blatt Watte
90 Taschentücher 3 Strohsäcke 3 Schwämme
7 Nachthauben 6 Tischtücher 60 Dtz. Compressen
28 Kopfnetze 46 Servietten 40 Pfd. Charpie
279 Dreieckige Tücher 39 Handtücher 1450 St. Cigarren
233 Rolltücher 5 Schürzen 1 Schachtel Bonbons

(20)

 Die Frauenvereine, die sich zunächst nicht als Teil des Roten Kreuzes, sondern nur als Hilfsvereine im Sinne der Genfer Konvention betrachteten, schlossen sich 1871 zu einem Gesamtverband zusammen. Sie entwickelten nun erstmals auch eine freiwillige Friedensaktivität, sie wollten

 "auch im vaterländischen Sinn durch eine augenblickliche Hilfeleistung bei allgemeinen oder örtlichen Landeskalamitäten, wie Krieg, Feuersbrunst, Überschwemmung und Seuchen, die Not möglichst zu erleichtern..... suchen." (21)

 In der Satzung des "Bayerischen Frauen-Vereins vom Rothen Kreuz", gegründet am 18. Dezember 1869, sind demnach Aufgaben in "Friedenszeiten" und in "Kriegszeiten" aufgeführt. Diese nunmehr doppelte Zielsetzung ist vom Roten Kreuz übernommen und beibehalten worden. (22)

1880 existierten im Deutschen Reich bereits 500 Zweigvereine mit etwa 50.000 Mitgliedern, vor dem I. Weltkrieg stieg die Zahl auf 1740 Vereine mit 591.000 Mitgliedern an. (23)

Als Gründungstag des Frauenzweigvereins Kipfenberg gilt der 31. Mai 1887, als die Konigin Marie von Bayern ein Diplom unterzeichnete, mit welchem der Zweigverein Kipfenberg in den Gesamtverein aufgenommen wurde. (24)

Die Urkunde erinnert an die Aufgaben und Pflichten der Frauenvereine:

"Gottes Segen vereint die Kräfte, die sich dem Vaterlande widmen. Dieß hat eine ernste Zeit bewiesen. Deshalb bleibe auch unsere bewährte Hülfsbereitschaft vereint, die alle Bekenntnisse und Stände umfassend im bayerischen Frauenverein hilft, wo es zu helfen gilt. Unser Verein dient im Kriege dem Volke unter den Waffen, im Frieden der Linderung der Noth, wo und wie eine solche herantritt.

Der bayerische Frauenverein hemmt keine Wohltätigkeit, die bereits ihren Wirkungskreis besitzt, er nimmt vielmehr eine jede in sich auf, als höchster Ausdruck jener Vaterlandsliebe, durch welche die Männer siegen, die Frauen trösten und die ein Erbgut deutscher Gesinnung, allen Pflichten aufopfernder Nächstenliebe entspricht. Immer weiter verbreite sich das Netz der Zweigvereine, immer gegenseitiger sei ihr Beruf." (25)

Trotz des Dualismus in der Zielsetzung, im Krieg den Soldaten zu helfen und im Frieden jegliche Notlage zu lindern, wurde die Tätigkeit des Frauenvereines zunächst nicht im Zusammenhang mit dem allgemeinen Gesundheitswesen gesehen, was heute ein wesentlicher Bestandteil der Aufgaben des Roten Kreuzes ausmacht. Jedenfalls wird der Kipfenberger Zweigverein mit keinem Wort in den Jahresberichten des kgl. Bezirksarztes Dr. Lutz und seines Stellvertreters Dr. Rott erwähnt. Die Berichte an das Bezirksamt Eichstätt machen deutlich, dass man zwar nicht von einer ärztlichen Unterversorgung der Landbevölkerung sprechen konnte, dass aber dennoch die gesundheitliche Vorsorge und Krankenbehandlung sehr im argen lag, weil man sich wegen der Kosten scheute, den Arzt in Anspruch zu nehmen und lieber den Bader oder Kurpfuscher konsultierte. So beklagte Dr. Lutz im Bericht von 1880, dass von 595 im Bezirk Eichstätt verstorbenen Kindern nur 28 (4,7%) in ärztlicher Behandlung waren. Diese erschreckende Tatsache wurde so begründet:

"Es klagen sogar die Ärzte auf dem Land ... über viel zu viel freie Zeit, da ihnen auch das niederärztliche Personal ihren Beruf sehr erleichtert ... Im Amtsbezirk Kipfenberg ist 1 Bader älterer Ordnung und 9 Bader neuerer Ordnung." (26)

Im Bericht von 1882 wird Dr. Rott, der zugleich Leiter des Kipfenberger Krankenhauses war, noch deutlicher:

"Die Curpfuscherei ist im Bezirke außer von einem Pfarrer am meisten durch die 'Bader' vertreten. Dieselben behandeln, soweit es ohne besondere Gefahr für sie selbst geschehen kann, nicht bloß alle möglichen inneren Krankheiten, sondern sie haben auch die ganze chirurgische Praxis in Händen und werden von ihnen alle Arten von Verletzungen, einfache und complizierte Fracturen unbedenklich übernommen. Selbst die Geburtshilfe ist von der Curpfuscherei nicht verschont geblieben und sind es in diesem Zweige der Heilkunst einige ältere Frauenspersonen, welche stets unter dem Vorwande dringenden Nothfalles eine Entbindung um die andere vornehmen, wozu sie nach der herrschenden Ansicht des Publikums gerade so gut fähig sind wie die Hebamme selbst." (27)

Bevor der Exkurs in die gesundheitlichen Verhältnisse Kipfenbergs vor hundert Jahren beendet wird, verdient festgehalten zu werden, dass damals in Kipfenberg bereits Erste-Hilfe-Kurse veranstaltet wurden, dies jedoch nicht vom Frauenverein, wie dem Jahresbericht von 1888 zu entnehmen ist:

"Im Sommer des verflossenen Jahres wurde an eine Anzahl Feuerwehrleute des Bezirkes über die Behandlung Verunglückter bis zur Ankunft des Arztes Unterricht in 2 Terminen erteilt. Bei der ersten Zusammenkunft wurde eine allgemeine Übersicht über den Bau des menschlichen Körpers und die Bedeutung der wichtigsten Organe desselben, bei der zweiten die Anweisung zu den Hilfeleistungen in Notfällen gegeben." (26)

Es sollte noch fast ein halbes Jahrhundert vergehen, bis die gesundheitliche Aufklärung der Bevölkerung und die Kurse in Erster Hilfe zur Domäne des Roten Kreuzes wurden.

Im Gründungsjahr 1887 hatte der Kipfenberger Frauenverein 46 Mitglieder. Die Einnahmen beliefen sich auf 79 Mark, die Ausgaben betrugen 83,05 Mark, der gesamte Vermögensstand lag bei 61,95 Mark. Als Vereinsvorstände fungierten immer die Ehefrauen von Kipfenberger Beamten. Erste "Vorsteherin" war J. Brehm, Oberamtsrichtergattin.

In den folgenden Jahren ist ein stetiger Mitgliederrückgang zu konstatieren, ohne dass hinreichende Gründe gefunden werden konnten. Vielleicht lag es aber an der Beamtenfluktuation, denn der Jahresbericht von 1893 meldet: "Kipfenberg verlor zur Wegzug 7 Mitglieder. (29)

Bereits im 2. Vereinsjahr erfolge ein Führungswechsel; der Frauenzweigverein wrude in den folgenden Jahren von der Rentbeamtensgattin Theres Leiner geleitet.

Die folgende Statistik vermittelt einen Eindruck von der Entwicklung des Vereins in den ersten fünf Jahren und von seinen beschränkten finanziellen Möglichkeiten.

Um einen Vergleich zu haben, sind die Daten des benachbarten Zweigvereins Eichstätt in Klammern beigefügt:

JahrMitglieder Einnahmen (in M) Ausgaben (in M) Vermögen (in M)
1887 46 (112) 97,00 (333,70) 83,05 (258,81) 61,95 (2674,89)
1888 36 (112) 91,95 (401,39) 79,60 (260,80) 80,35 (2840,59)
1889 32 (114) 80,35 (568,59) 63,30 (446,65) 110,05 (3021,94)
1890 31 (121) 81,55 (479,94) 67,40 (377,30) 152,15 (3202,64)
1891 30 (114) 75,15 (450,64) 71,00 (400,10) 182,15 (3350,54)
1892 23 (116) 63,15 (409,54) 61,60 (393,65) 209,55 (3515,89)

(30)

Aus den Berichten des Kreisausschusses Mittelfranken lassen sich Einzelheiten über die Aktivitäten der Zweigvereine entnehmen. Für das Berichtsjahr 1887 wird gemeldet: "Kipfenberg hat 1 Invaliden mit 2 M unterstützt und 48 M verzinslich angelegt."

1888 heißt es:

"Kipfenberg verlor 10 Mitglieder, übermittelte 20 M dem Kreisausschuß für die Überschwemmten, verausgabte 10 M Hilfeleistungen bei einer Feuersbrunst und 2 M an eine hilfsbedürftige Wöchnerin." (31)

Erwähnenswert ist auch eine Sammlung für die deutschen Kolonialtruppen in Ostasien, die 11 M erbrachte.

Die Berichte machen deutlich, dass die Frauenzweigvereine gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr allein in der Unterstützung der kämpfenden Truppen ihr ausschließliches Aufgabenfeld sahen; in der, wie es heißt, "localen Friedensthätigkeit" wurden neue Betätigungsmöglichkeiten gefunden. Als Vorsitzende konnten J. Brehm, Theres Leiner, (?) Kazeller und F. Rockstroh ermittelt werden. (1887 - 1913)

Der Frauenverein im I. Weltkrieg und in der Weimarer Zeit

Wie nicht anders zu erwarten erreichten die Aktivitäten des Vereins im Krieg einen neuen Höhepunkt. In der Satzung des Bayerischen Frauen-Vereins vom Roten Kreuz sind als Aufgaben in Kriegszeiten festgelegt:

"a. Die Bethätigung der, schon im Frieden für den Kriegsfall getroffenen Vorbereitungen, insbesondere Abstellung ausgebildeter Krankenpflegerinnen, Thätigkeit bei Vereinslazarethen, Lazarethzügen, ... Genesungs- und Erfrischungsstationen.

b. Beschaffung und Sammlung von Verbandzeug, Lazareth-Gegenständen, Weißzeug ...

c. Anschaffung von Nahrungs- und Labungsmitteln für die verwundeten und erkrankten Krieger.

d. Sammlung von Geldmitteln ... " (32)

Es ist nicht bekannt, wie weit Mitglieder des Kipfenberger Frauenvereins in Lazaretten gearbeitet haben. Die unter b bis d geforderten Aufgaben wurden jedoch gewissenhaft erfüllt. Der Verein sammelte während des Krieges in Kipfenberg und den umliegenden Gemeinden 12.936 Mark in bar und Sachspenden im Wert von 8.934 Mark. (33) Sämtliche Waren in Gegenstände wruden in Kisten und Säcke verpackt in 38 großen Sendungen bei den zentralen Sammelstellen in Nürnberg und Augsburg abgeliefert. Darüber hinaus wurden zahllose als "Liebesgaben" bezeichnete Päckchen den "im Felde stehenden Soldaten von Kipfenberg" übersandt.

Den freiwilligen Sammlerinnen wie der Bevölkerung wurde einiges an Opferbereitschaft abverlangt, denn mit dem Fortschreiten des Krieges wurden Jahr für Jahr neue "Sondersammlungen" eingeführt. Für 1914 sin die Spendenliste des Frauenvereins Kipfenberg eine "Allgemeine Geldsammlung", die "Weihnachtsgeldspenden" und die "Wäschespenden und sonstige Liebesgaben" eingetragen. Bereits 1915 wurde zusätzlich eine Sammlung zum "Opfertag" am 1. August un zum "Gefangenentag" am 10. Oktober veranstaltet. 1917 ist eine "U-Boot-Sammlung" am 3. Juni vermerkt und im letzten Kriegsjahr 1918 lesen wir von einer "Säuglings-Spende" zum 20. Januar, einer "Frauen-Haarsammlung" und einer "Obstkern-Sammlung". Die Haarspende (1 kg 100 g) wurde am 31. Juli 1918 der Zentralsammelstelle in Augsburg übergeben, die Obstkerne gingen an den "Kriegsausschuss für Öle und Fette" in Berlin. die Sendung bestand aus "60 kg verschiedene Kerne, 73 kg Zwetschgenkerne und 44 Pfd. Kastanien".

An "Liebesgaben" wurde von Sammlern alles angenommen, was für die Soldaten von Nutzen sein konnte, vom Hosenknopf bis zum Klopapier. Am umfangreichsten waren die Sendungen mit Wäsche und Bekleidung, wobei besonders Socken, Strümpfe und die wichtigen "Fußlappen" von den Vereinsmitgliedern und den Schulmädchen selbst hergestellt wurden. Die "Weihnachtssendung" vom 1. Dezember 1915, der Station Dutzendteich in Nürnberg übergeben, soll exemplarisch die ganze Bandbreite der gespendeten Waren und den Sammeleifer der Kipfenberger Frauen aufzeigen:

MengeBezeichnungMengeBezeichnung
103 P. Socken 1 Fl. Kognac
90 P. Fußlappen 1 Fl. Rum
3 St. Unterhosen 1 Fl. Punschessenz
3 St. Hemden 1600 St. Zigarren
7 St. gestrickte Kittel 1670 St. Zigaretten
55 St. Halsschlipse 136 Päckch. Rauchtabak
3 St. Kopfschützer 170 Päckch. Schnupftabak
70 St. Taschentücher 100 St. Zigarrenspitzen
20 St. Hosenträger 20 St. Feuerzeughülsen
50 P. Filzsohlen 26 St. Pfeifen
10 St. Handtücher 33 St. Tabakdosen
50 St. Nähzeugsäckchen 102 Säckch. mit Gebäck, Lebkuchen, Nüssen und getrocknete Birnen
66 Säckchen Patenthosenknöpfe 26 Pak. Lebkuchen
50 St. Stopfwolle 1/4 Pfd. Gebäck
16 St. Lederdäumlinge 17 Rollen Pfefferminz
20 Rollen Zwirn 1 Päckch. Zitronenzucker
1 Schachtel Hosenknöpfe 50 Säckch. mit Zucker
3 Päckch. Nähnadeln 50 Schachtel Lederfett
30 St. Taschenspiegel 10 Geldbörsen
35 St. Seife 13 Spielkarten
34,5 Pfd. Zucker 6 Mundharmonikas
13 Pfd. Nüsse 40 Kämme
4,5 Pfd. Rauchfleisch 18 Messer
125 St. Teebomben 50 Notizbücher
70 St. Trockenmilch 50 Päckch. Briefpapier
5 Pfd. Schockolade 5 Dutzend Bleistifte
0,5 Pfd. Tee 1 Erzählungsbuch
50 Päckch. Milchkaramellen 500 Postkarten
50 St. Papiersäcke 20 Rollen Klosettpapier
134 St. Likörfläschchen 4 Fl. Rotwein
3 Fl. Weißwein 2 Fl. Himbeersaft
3 Fl. Likör

(34)

In den ersten Kriegsjahren verteilte der Frauenverein auch direkt an "Soldaten auf Reisemarsch" Liebesgaben. So erhielten am 18. September 1914 450 Mann, die durch Kipfenberg zogen, 1300 Zigarren, Schokolade und 100 Ansichtskarten überreicht, was die Vereinskasse mit 59,50 Mark belastete. (35) Ebenso wurden während des Krieges Invaliden und arme Angehörige von Soldaten mit Sachspenden, Geld und Lebensmitteln unterstützt.

Die Niederlage von 1918 wirkte sich auf die Vereinsarbeit sehr negativ aus. in den ersten Nachkriegsjahren sind noch vereinzelt Ausgaben und Spenden für Bedürftige verzeichnet, für Wöchnerinnen, Krüppel, Kriegsgefangene, für einen "Internierten Deutschen in Amerika" oder für einen "elsässischen Flüchtling". Am 22. Oktober 1921 wurde einem Schlesier eine farbige Unterhose und ein Paar Einlegesohlen geschenkt. Damit enden die Einträge in die Spendenliste, der Kipfenberger Frauenverein bestand allerdings formal weiter.

Der Friedensvertrag von Versailles brachte durch die Auflösung des Reichsheeres eine wesentliche Beschränkung der Aufgaben des Roten Kreuzes mit sich. Umso mehr knnten die Kräfte auf die Wohlfahrts- und Gesundheitspflege der Bevölkerung konzentriert werden. (36) Um der Not der Nachkriegszeit besser begegnen zu können, entschloss man sich zu einer organisatorischen Umstrukturierung des Roten Kreuzes in Deutschland. Am 25. Januar 1921 schlossen sich die Landesverbände und Landesfrauenvereine zu einer Vereinigung zusammen,

"die alle Kräfte des Roten Kreuzes im Reiche zu gemeinsamer Wohlfahrtsarbeit zusammenfassen und dahin wirken soll, daß alle Deutschen, Männer und Frauen ... sich als Mitarbeiter an dem gemeinsamen Wirken des roten Kreuzes beteiligen." (37)

Das Jahr 1924 brachte ein Besserung der politischen und wirtschaftlichen Lage und damit auch eine Stabilisierung und Neuformierung der ländlichen Zweigvereine. Auch in Kipfenberg wurde durch die Initiative der Frau des Landarztes Dr. Schliep die Vereinsarbeit wieder aufgenommen und eine starke Mitgliederwerbung durchgeführt.

Am 1. April 1925 fand die erste Hauptversammlung nach dem Krieg statt. Dem Frauenzweigverein gehörten nunmehr 86 Mitglieder an, 78 Frauen, drei Männer und politische Gemeinden (Kipfenberg, Kinding, Böhming, Irfersdorf und Dörndorf). Als Vorsitzende wurde Lissa Wagener, Architektensgattin, gewählt, die in Personalunion die Ämter der Schriftführerin und Kassiererin mitbetreute; 2. Vorsitzende wurde Frau Schliep. Im Tätigkeitsbericht für das Geschäftsjahr 1924 vermerkte Frau Wagener:

"Der Zweigverein Kipfenberg ruhte seit mehreren Jahren und wurde ich von Frau Dr. Schliep, hier, gebeten, den Verein wieder in Leben zu rufen ... Es ist mir gelungen, die Beiträge für 1924 noch nachträglich einzukassieren und hoffe ich zuversichtlich, den Verein wieder hochzubringen, un wäre im ersten Jahre eine Unterstützung von Seiten des Hauptvorstandes oder Kreisausschusses dringend erwünscht." (38)

Die Einnahmen in Höhe von 172 Mark (2 Mark pro Vereinsmitglied) erlaubten keine großen Tätigkeiten, so dass lediglich 7,20 RM für Bedürftige aufgewendet wurden. Im Berichtsjahr 1925 stieg die Zahl der Mitglieder auf 99, im Frühjahr 1926 sogar auf 102 an. Durch großzügige Spenden der Berliner Fabrikantin Anna Taeschner, die die Kipfenberger Burgruine erworben und zum Familiensitz ausgebaut hatte, konnte die Vereinsarbeit intensiviert werden. Der Bericht von 1925 bietet einen Einblick in die Tätigkeit des Vereins:

"Zu Weihnachten konnten 31 bedürftige Familien bedacht werden und zwar wurden dieselben mit vom Verein genähten Hemden und gestrickten Strümpfen sowie Lebensmitteln beschenkt. Auch im Laufe des Jahres konnte manche Not gelindert werden. Alte Leute erhielten Milch, bedürftige Familien Lebensmittel, sowie Geldspende an abgebrannte Familie. Da sich in Kipfenberg ein Bezirkskrankenhaus sowie Kinderheim und Schwestern für ambulante Krankenpflege befinden, ist in der Hinsicht kein Betätigungsfeld. Notwendig wäre eine Beratungsstelle für Tuberkulose, Krüppel- und Mittelstandsfürsorge ... Sehr erwünscht wären belehrende Vorträge, welche an diesen Zusammenkünften(39) verlesen werden könnten, da Aufklärungsarbeit hier bitter not tut." (40)

In den folgenden Jahren lag der Schwerpunkt der Vereinsarbeit in der Unterstützung armer ortsansässiger Familien. Aus dieser Zeit haben sich zahlreiche von den Empfängern unterschriebene Quittungen über Sach- und Geldspenden erhalten:

"Dieser Schein berechtigt zum Bezuge von 2 Laib Brot und 3 Pfund Mehl vom Bäcker Reitzer für Frau K., Grösdorf."

"Kriegsgeschädigter W. erhielt 1 M vom Roten-Kreuz Kipfenberg."

"Quittung über 15 RM für bedürftige Konfirmanden vom Frauenverein des Roten Kreuzes Ortsgruppe Kipfenberg. Evang.luth. Stadtvikariat."

"Zur Unterstützung bedürftiger Erstkommunikanten 15 RM erhalten vom Frauenverein Kipfenberg vom Roten Kreuz. Schw. Tarcisia."

"Der Kriegsbeschädigte Franz Z. aus Regensburg wurde hier heute aus dem Gefängnis entlassen und händigte ich demselben 5 M als Reisegeld aus, er verspricht dasselbe dem Verein wieder zu ersetzen, sobald er dazu in der Lage ist. - Was er hiermit bescheinigt."

Seit Dezember 1929 arbeitete der Frauenzweigverein eng mit dem Caritasverband Kipfenberg und der örtlichen Fürsorge zusammen; sie bildeten das sog. Fürsorge-Kartell. Der Verein zahlte an das Kartell einen Jahresbeitrag in Höhe von RM 200 und unterstützte die angestellte Fürsorgeschwester bei ihrer sozialen Aufgabe. So konnte in Kipfenberg sogar eine Mütterberatungsstelle installiert werden.

Der Verein hatte allerdings damals nur ein Mitglied, das als Helferin ausgebildet war. Eine "männliche" Rotkreuz-Kolonne existierte noch nicht.

Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und der Anstieg der Arbeitslosigkeit brachten neue Aufgaben für die lokalen Zweigvereine. Man verkaufte Wohlfahrtsbriefmarken für die Deutsche Nothilfe, spendete Material und Geld im Rahmen der "Notstandshilfe für den Bayerischen Wald", half bei der "Vermittlung von Freimittagessen" für arme Kinder und Erwachsene, und beteiligte sich an Sammlungen der "Winternothilfe".

Die vielfältige Arbeit wurde durch einen spürbaren Mitgliederrückgang erschwert, der auf die Konkurrenz der staatlichen und kirchlichen Fürsorgeeinrichtungen und die allgemeine Notlage zurückzuführen war. Die Listen geben deutlich Aufschluss darüber, wie schwierig es war, den fälligen Jahresbeitrag von den Mitgliedern zu erheben.

Der Frauenzweigverein Kipfenberg vom Roten Kreuz steckte zur Jahreswende 1932/33 erneut in einer schweren Krise.

Entwicklung des Frauenzweigvereins Kipfenberg 1924 - 1932

JahrMitgliederVorsitzende (1. u. 2. Vors.)Ausgaben (RM)
1924 86 Lissa Wagener Irmgard Schliep 21,00
1925 99 L. Wagener I. Schliep 219,64
1926 90 L. Wagener Maria Hackner 229,25
1927 88 L. Wagener M. Hackner 344,07
1928 86 L. Wagener M. Hackner 288,15
1929 86 L. Wagener M. Hackner 254,64
1930 71 L. Wagener M. Hackner 288,23
1931 63 Siegele-Wagener M. Hackner 480,87
1932 62 Siegele-Wagener M. Hackner 308,09

 

Seit 1930 arbeitete die Lehrersgattin K. Koller als Kassiererin in der Vorstandschaft mit.

Von den 62 Vereinsmitgliedern waren nach dem Jahresbericht für 1932/33 58 Frauen, 3 Männer und eine politische Gemeinde.

Der Verein war nicht in der Lage, die vom Landesverband geforderten Depots für Wäsche und Verbandsmaterial einzurichten und Lehrgänge durchzuführen. "Zur Unterstützung des amtlichen Sanitätsdienstes" stand lediglich eine Helferin zur Verfügung. Die Situation des Frauenvereins Kipfenberg zur Zeit des Übergangs von der Weimarer Regierung zum "Dritten Reich" muss als labil bezeichnet werden.(42)


(17) Vgl. ebenda, S. 21

(18) Der Aufruf ist abgedruckt im "Eichstätter Kurier" Nr. 173 vom 26.6.1866 (3. Jg.).

(19) Ebenda.

(20) "Eichstätter Kurier" Nr. 261 vom 22.9.1866.

(21) Zitiert bei Grüneisen, S. 67.

(22) Vgl. die "Revidierte Satzung des Bayerischen Frauen-Vereins vom Rothen Kreuz",

München 1900.

(23) Vgl. Grüneisen, S. 69.

(24) Das Diplom hat sich nicht erhalten.

(25) Entnommen der Einladung zur 50-jährigen Gründungsfeier des Zweigvereins Kipfenberg

1937. Offensichtlich war das Diplom damals noch im Besitz der Vereins.

(26) Jahresbericht des Bezirksarztes Dr. Lutz von 1880, StA Nürnberg Kdl 1932.

(27) Jahresbericht Dr. Rott von 1881, StA Nürnberg, Kdl 1932 (25.9.1882) (= Akten der Kgl. Bayr.-Reg. von Mittelfranken, Kammer des Innern).

(28) Jahresbericht Dr. Rott von 1888 (13.2.1989), StA Nürnberg, Kdl 1932.

(29) Jahresbericht des Kreisausschusses Mittelfranken für 1893, HStA München, Mlnn 52883.

(30) Nach den Jahresberichten des Kreisauschusses, ebenda,

(31) Ebenda.

(32) Satzung des Bayerischen Frauen-Vereins aus dem Jahr 1900.

(33) Alle Angeben sind der "Spendenliste für die Kriegsjahre" entnommen. Besitz der Rot-Kreuz-Kolonne Kipfenberg.

(34) Vgl. dazu die "Spendenliste für die Kriegsjahre", ebenda.

(35) Vgl. ebenda.

(36) Vgl. dazu Gruber, S. 68 ff.

(37) Aus dem Vorwort der Vereinssatzung des Deutschen Roten Kreuzes.

(38) Bericht über das Geschäftsjahr 1924, Archiv er Rot-Kreuz-Kolonne Kipfenberg.

(39) Damit sind die monatlichen "Kaffeekränzchen" gemeint.

(40) Bericht über das Geschäftsjahr 1925, Archiv der Rot-Kreuz-Kolonne Kipfenberg.

(41) Alle Bescheinigungen finden sich im Archiv der Rot-Kreuz-Kolonne Kipfenberg.

(42) Vgl. die Tätigkeitsberichte aus den Jahren 1925 bis 1932 im Archiv der Rot-Kreuz-Kolonne Kipfenberg.